MIRROR IN TIME, Michelangelo Pistoletto, Erinna König @ EK STUDIO, 2025

MIRROR IN TIME

Michelangelo Pistoletto
Erinna König

Eine Photodokumentation aus den Archiven Erinna Königs zeigt Momente aus ihrer Studentenzeit als Meisterschülerin Joseph Beuys’ im sozialen Umfeld der Kunstakademie Düsseldorf 1967-1976. Als aktive Mitstreiter der ‘68 Studentengeneration brachten Erinna König und Kollegen Kunst auf die Straße, organisierten “Aktionen”, zu erkämpften sich ein Studentenparlament, zu dem Erinna König als erste Präsidentin gewählt wurde.

Ein Büro zur Aktionsorganisation – “Büro Olympia” – wurde gegründet, mit dem Kern Erinna König, Henning Brandis, Chris Reinecke, Jörg Immendorff. Die Gruppe leitete Projekte wie ‘Mietersolidarität,’ das auf den Mietnotstand in Düsseldorf aufmerksam machte; ’Saubere Plätze, schmutzige Wohnungspolitik’ sah Erinna König und Kollegen den Platz vor dem Schauspielhaus schrubben. Daß die Aktionen von der Gesellschaft nicht unbemerkt blieben beweisen einige Zeitungsartikel. “Büro Oympia” engagierte sich gegen die Kommerzialisierung der 1972 Olympiade und für ein Beenden des Vietnamkriegs. Es wurde an Demonstrationen teilgenommen, in der Altstadt oder auch in Dortmund am 1. Mai 1971 mit Albert Oehlen, Chris Reinecke, Henning Brandis — wobei Jörg Immendorff Erinna König neben Willy Brandt, photographierte.

Ab den 80ger Jahren hüllte Erinna König sozial-politisch-gesellschaftlichen Vorstellungen in elegante Puzzle, die es von dem Betrachter selbst zu decodieren gilt. Die hier ausgestellten Werke sind seltene Momente in denen sie sich konkreter ausdrückte. Bei “o.T. Rote Fahne, “(1983) lehnt die gewickelte Fahne an der Wand, posiert auf einer roten Fußmatte; Das Miniatur “Selbst mit roter Fahne” ist ein Selbstportrait Erinna Königs in der sie eine eben solche rote Fahne trägt, mit einem Glas voller Malerpinsel neben sich — dieses kleine Selbstportrait von 1978 ist einzigartig und summiert ihre damalige Selbst-aufgabenstellung.

“Das Ende der Rolle,” 1990, nimmt direkten Bezug auf die Protestaktionen von damals: ein rund gerahmtes Werk aus gefaltetem Packpapier – dem “Ende der Papier-Rolle” die für Demonstrationsbanner gebraucht wurden, gestempelt mit einem roten Stern im Zentrum.

Polar entgegengesetzt ist die Gruppe der Papierarbeiten “Schnittmuster,” 1987. Schneiderschnittmuster eines kurzen Ärmels, eines Jacken/Hemdenärmels und eines Kinderjäckchens sind Zeitungspapiercollagen auf schwarzen oder tonrotem Hintergrund oder Nachthimmel lila-schwarz übermalt. “Schnittmuster Westen und Osten”, “Expressgut”, “Rote Erde”,”Attentatsversuch”, beziehen sich auf Inhalte und die Zeitung selbst:
 “Rote Erde oder rothe Erde” ist eine seit dem Mittelalter belegte Bezeichnung für die historische Landschaft Westfalen in der Erinna König als Kind aufwuchs. Die “Westfälische Landeszeitung – Rote Erde,” war 1933-1945 eine Kombination von Amtsblatt und Parteizeitung der NSDAP und Kampfblatt für nationalsozialistische Politik. Mit Erinna Königs Serie “Zeitungsschnittmuster” wird dem Leser die NSDAP Parteipropaganda direkt auf den Leib geschneidert. Erwachsene wie Kinder werden so geformt, eingereiht und geistig wie körperlich eingekleidet in Parteitreue. Das ‘Schnittmuster, Expressgut” ist ein Kinderhemdbrustteil aus einem “Juni 44” gestempelten Wirtschaftsprüfer Bilanzbogen geschnitten, in Anspielung auf die kriegs-kalkulierte Familienpolitik des 3. Reiches.

Als Abschluss eine Dokumentation der 1976 Initiative die im öffentlichen Raum das Thema ‘Frau’ zur Debatte brachte: im Rahmen der Ausstellung “Frauen machen Kunst”, 1976, Galerie Magers, Bonn, gestalteten Erinna König, Susanne Ebert, Maria Fisahn Plakatwände in Düsseldorf, Frankfurt und Berlin.

Archivmaterial aus dem persönlichen Nachlass Erinna Königs und dem Rheinischen Archiv für Künstlernachlässe RAK www.rak-bonn.de

„Das Tattoo ist eine ursprüngliche Form der Kommunikation, die ich heute als künstlerisch-technologische Ausdrucksform nutze. Das Selbstporträt vermittelt meine Identität und die der heutigen Gesellschaft in der unendlichen Gegenwart des spiegelnden Bildes.“
— Michelangelo Pistoletto

Michelangelo Pistolettos ‘Mirror-paintings’ spiegeln die Gegenwart, zeigen Vergangenheit (das gedruckte Bild) und beinhalten bereits das Potential dessen was sich spiegeln wird, also der Zukunft. Sie fordern uns heraus, das Verständnis der zeitgebundenen Existenz zu hinterfragen und das Phänomen der fortwährenden Gegenwart in Betracht zu ziehen.

Mit dem Werk “QR Code Possession – Autoritratto,” das 2019-2023 kreiert wurde, bezieht sich Michelangelo Pistoletto auf Tribal Tattoos, die traditionell Zugehörigkeit und persönliche Identität von Volksstämmen kommunizieren. Mit diesem Werk, indem seine QR Codes auf die speziell angelegte Webseite www.qrcodepossession.net leiten, stellt Michelangelo Pistoletto unsere Identifikation mit dem Virtualen, dem “digitalen Selbst” und den Sozialen Medien in den Vordergrund.

Gleichzeitig greift er der heutigen Diskussion über digitale Ausweise vor und nimmt Chip-Implantationen oder tätowierte QR-Codes auf dem menschlichen Körper, die frühere Nummern ersetzen, vorweg. Heute, im Jahr 2025, ist Autoritarismus im globalen Norden und Westen nicht mehr nur ein Schrecken der Vergangenheit, sondern wieder Realität geworden. Die Pläne der Wenigen die 99.99% zu kontrollieren, sind Orwells 1984 Dystopie in der heutigen Wirklichkeit, Chips im menschlichen Körper, Gesichtserkennung und Iris scans sind längst keine Phantasie mehr. Im Gegensatz zu totalitären Staaten die diese Form zu Kontrolle und eigenem Nutzen einsetzen, präsentieren Michelangelo Pistolettos QR Code Tattoos einen virtuellen ‘Spiegel des Selbst,’ bringen neue Dimensionen in das Selbstportrait.

Philosophisch ergründet Michelangelo Pistoletto Präsenz, Existenz, Zeit und Unendlichkeit, sozial ist er ein Motor in der Entwicklung der Menschheit. Sein Werk reflektiert, lädt ein zur Selbstreflektion und bietet Möglichkeiten des Mitdenkens und -machens. In dem ‘Pace Preventivo / Preventative Peace’ – Video appelliert Pistoletto an die Menschheit und vermittelt die Positivität und Hoffnung:

Konflikt per se ist in der menschlichen Gesellschaft auf Erden nicht ganz auszuräumen, mörderische Kriege aber schon. Anstatt sich mit Waffen zu bekriegen schlägt Michelangelo Pistoletto sportliche Wettkämpfe vor, wie eine erweiterte Form von Olympiaden, in denen sich alle an die Spielregeln halten und statt Generälen, neutrale Schiedsrichter das Sagen haben.

Uscha Pohl

 

Clips: Jan Höhe